Mehr.WERT.Pavillon

  • Jahr der Verpflichtung : 2019


  • 999 999 €

Die Bundesgartenausstellung (BUGA) 2019 in Heilbronn war erstmals sowohl eine Garten- als auch eine Stadtausstellung. Das neu erbaute Stadtviertel Neckarbogen, das zur Eröffnung der Ausstellung bereits in Teilen realisiert war, soll fortan als Prüfstand und Labor für neue Stadtentwicklungsszenarien dienen, die sich auf höchste Lebensstandards und -qualitäten für eine sozial vielfältige Bevölkerungsgruppe in einem dicht besiedelten zentralen Stadtumfeld konzentrieren. In diesem Zusammenhang wurde es von den Verantwortlichen für notwendig und relevant befunden, auch ein neues Denken bezüglich des Ressourcenverbrauchs im Bauwesen anzustoßen und die derzeitige lineare Wegwerf-Mentalität hinter sich zu lassen. Zu diesem Zweck beauftragte die Leitung der BUGA gemeinsam mit der Stadt Heilbronn und deren Recyclingbetrieben die Fakultät Architektur am KIT Karlsruhe unter Führung der Professur für Nachhaltiges Bauen mit der Planung eines Pavillons der sich der Ressourcenfrage auf neue Weise näherte. Inhaltlich bespielt und betrieben wurde die darin befindliche Ausstellung von April bis Oktober 2019 durch das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. Das Bauwerk trat den Beweis an, dass es schon heute möglich ist eine anspruchsvolle Architektur vollends aus den Materialien der urbanen Mine zu gestalten und zu realisieren, und dabei in der Konstruktion die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft ohne Kompromisse anzuwenden.

Einerseits nutzte der Pavillon dazu die vorhandene urbane Mine als Rohstoffquelle: alle im Projekt verwendeten Materialien haben bereits mindestens einen Lebenszyklus durchlaufen und wurden entweder wiederverwendet oder -verwertet. Zum anderen dient der Pavillon als zukünftiges sortenreines Materiallager, das am Ende der Ausstellung für zukünftige Konstruktionen wieder verfügbar gemacht werden kann. Die für den Bau verwendeten Materialien wurden alle nach diesen Voraussetzungen ausgewählt und lediglich mit Hilfe von lösbaren, mechanischen Verbindungen gefügt, so dass sie sortenrein und ohne Wertverlust vollständig wiederverwendet oder -verwertet werden können. Allerdings überzeugte das Bauwerk so sehr, dass es nach Ende der Ausstellung nun zunächst einmal komplett versetzt wurde und noch einige Jahre in der Nähe seines ursprünglichen Standorts weiter bestehen bleibt - als Materiallager, sozialer Treffpunkt und als physischer Beweis, dass man schon heute kreislaufgerecht bauen kann. 

Der Pavillon nutzt vier verschiedene Materialfamilien um seine Hauptelemente konstruktiv und gestalterisch zu unterscheiden: 

  1. Die Fassaden und das Dach sind aus Glaspaneelen konzipiert, die aus wiederverwertetem Brauchglas und Industrieglasabfällen hergestellt werden. Gestalterisch erinnern die Platten an „Laub“, das an die Äste der Struktur angebracht wurde. Der Großteil besteht dabei aus MAGNA-Glaskeramikplatten. Bei deren Herstellung werden Glasscherben angeschmolzen und zu einem neuartigen Werkstoff zusammengeführt, der in Farbe und Transparenz variiert. Ebenfalls wurden Produkte aus wiederverwertetem Glasschaum genutzt, die eigentlich zur Wärmedämmung (Foamglas) oder Akustikverbesserung (Reapor) dienen. 
  2. Die tragende Struktur besteht größtenteils aus wiederverwendetem Stahl, der aus einem stillgelegten und inzwischen gesprengten Kohlekraftwerk im Nordwesten Deutschlands stammt. Die Hauptstruktur bilden vier geneigte, sich baumartig auffächernde Stützen, die durch die starre Stahlrahmenkonstruktion der Hülle miteinander verbunden sind. Der ausgebaute Stahl wurde, wie weiter unten beschrieben, eingehend geprüft um die Standsicherheit des Pavillons zu gewährleisten und nachweisen zu können. Die aus dem Kraftwerk gewonnenen insgesamt 340 Einzelteile wurden vor Ort zur neuen Tragstruktur des Pavillons zusammengeschraubt.
  3. Alle Einbauelemente bestehen aus wiederverwertetem HDPE-Kunststoffabfall. Die Stühle wurden von Dirk van der Kooij aus den Niederlanden in einem 3D-Druckverfahren aus Kunststoff-Hausmüll hergestellt. Ebenfalls fanden während des Betriebs den Pavillons immer wieder Demonstrationen statt, um die Wiederverwertbarkeit von Kunststoffen darzulegen und kleine Elemente aus vermeintlichen Wegwerfprodukten wie Joghurtbechern selbst herzustellen.
  4. Der Boden des Pavillons sowie die Landschaftsgestaltung des Gartens wurden mit verschiedenen wiederverwendeten und -verwerteten Produkten aus mineralischen Bau- und Abbruchabfällen gestaltet. Das Konzept folgt dem Gedanken des „gefallenen Laubs“, also Flächen, die in ihrer Form und Größe an die der Fassaden erinnern. So kamen darin beispielsweise aus Bauschutt hergestellte Ziegelsteine der Firma StoneCycling zum Einsatz, die durch geschickte Farbkombinationen verschiedenster Mineralien aus der urbane Mine Namen tragen wie Nougat, Aubergine oder Wasabi. Hier wird die psychologische Ebene des Mehrwerts angesprochen um innere Hürden einer Wiederverwertung abzubauen. Der Pavillon steht auf Fundamentsteinen der Firma Feess, welche aus Beton mit einem Recyclingaggregatanteil von 100% hergestellt wurden. Lediglich durch an Legosteine erinnernde Steckverbindungen miteinander verschränkt lassen sich diese Fundamentblöcke nach Gebrauch wieder an den Hersteller zurückgeben. Der Großteil des Bodens wurde letztlich mit weißem Keramikbruch belegt, der aus alter Weißware und Geschirr gebrochen wurde und eine Alternative zu natürlichem Kies aufzeigt.

Das Ziel des Pavillons war und ist es, wichtige Fragen eines zukünftigen Bauens und des damit verbundenen Ressourceneinsatzes mit Entscheidungsträgern aus Politik, Bauplanung und -umsetzung zu diskutieren und daraus sowohl in der Praxis als auch in der Lehre neue innovative Konzepte, Anwendungen und Methoden zu entwickeln. 

Datenverlässlichkeit

Selbstdeklariert

Nachhaltige Entwicklung

    Der Mehr.WERT.Pavillon verbindet Ästhetik und Forschung auf einzigartige Weise und folgt der Überzeugung, dass nachhaltige Architektur atemberaubend schön sein muss, um langfristig akzeptiert, geliebt und gepflegt zu werden. Während der 6 Monate der Ausstellung hatten wir täglich Fragen von interessierten Besuchern zum Gesamtthema, sowie zu bestimmten Materialien und Zusammenhängen, die meisten von ihnen ausgehend von der Schönheit des Projekts und/oder einer bestimmten Materialoberfläche. Aufgrund des großen Erfolges des Projektes hat die Stadtverwaltung den Pavillon in der Zwischenzeit an einen dauerhaften und öffentlichen Standort innerhalb Heilbronns verlegt. Insofern können wir mit Fug und Recht behaupten, dass der Pavillon auch ein wirklich nachhaltiger Beitrag zur heutigen Architekturdebatte ist. 

    Der Mehr.Wert.Pavillon dient als Labor und Testlauf für zukünftige Bauprojekte sowie Bauprozesse. Ziel ist es, wichtige Fragen des Bauens und des damit verbundenen Ressourceneinsatzes mit Entscheidungsträgern aus Politik, Bauplanung und -ausführung zu diskutieren und daraus neue innovative Konzepte, Anwendungen und Methoden zu entwickeln, sowohl in der Praxis als auch in der Lehre. Ziel des Paradigmenwechsels ist ein neues Architekturverständnis das Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz und Wohlbefinden in der gebauten Umwelt vereint. 

    Bereits heute leben 75% der europäischen Bevölkerung in urbanen Gebieten, Tendenz steigend und mit zunehmendem spezifischen Wohnflächenbedarf. Nicht von ungefähr erleben wir deshalb einen beginnenden Mentalitätswandel und ein wachsendes Unrechtsempfinden innerhalb unserer Gesellschaft, die ihre Lebensgrundlagen durch Klimawandel, Ressourcenknappheit und die Vermüllung unserer Umwelt bedroht sieht. In dieser Diskussion kommt unserer gebauten Umwelt eine Schlüsselrolle zu. Sie muss sowohl als zukünftiger Rohstofflieferant – als eine neue Mine: die urbane Mine - und als Materiallager betrachtet werden. 

    Allein das Bauwesen ist nach neusten Erhebungen der Europäischen Union für 39% unserer CO2- und anderer Treibhausgas-Emissionen, 50% des Primärenergieverbrauchs, 50% des Primärrohstoffverbrauchs und 36% des Festmüllaufkommens verantwortlich.  Ein Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir unsere gebaute Umwelt entwerfen, konstruieren und verwalten, ist längst überfällig - und der Mehr.WERT.Pavillon schlägt einen machbaren Weg in die Zukunft vor und validiert ihn auf eine schöne und demonstrative Weise.

    Das kreislaufgerechte Bauen versteht die gebaute Umwelt als Materiallager und setzt eine entsprechende Handhabung dieser Elemente voraus, was sich vor allem in der Entwicklung und Anwendung neuer Verbindungstechnologien, dem Entwurf von Rückbauanleitungen und in einem radikal neuen Rollenverständnis aller Akteure in der Bauwirtschaft manifestiert. Die daraus entstehende Definition der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) greift insofern auch entschieden weiter als das in Deutschland übliche Verständnis des Begriffs als Teil der Abfallwirtschaft. Anstatt darauf abzuzielen am Ende der Nutzungsphase den Kreislauf zu schließen und dadurch Abfall zu reduzieren, sollte eine Kreislaufwirtschaft die Entstehung von Abfall durch Innovation und Gestaltung bereits am Anfang des Lebenszyklus verhindern. Wir verstehen die Kreislaufwirtschaft insofern als ein sich selbst erholendes und erneuerndes Wirtschaftssystem, dessen Prämisse der Erhalt des höchst möglichen Nutz- und Geldwertes seiner Materialien und Produkte in geschlossenen Stoffkreisläufen ist.

    Der Pavillon ist ganzheitlich geplant und konstruiert und richtet sich nach dem aktuell vorgegebenen bauordnungsrechtlichen Rahmen. Damit gibt er auf anschauliche, einzigartige, innovative und umfassende Weise Antworten auf die wichtigsten Fragen der Bauindustrie des 21. Jahrhunderts. Innerhalb dieser Fragestellung deckt der Pavillon ein breites Spektrum an architektonischen Maßstäben ab: Auf der materiellen Ebene beschäftigt er sich mit der Frage, welche Ressourcen durch Urban Mining und Kreislaufwirtschaft für zukünftige Generationen zur Verfügung stehen werden. Insbesondere in Bezug auf die direkte Wiederverwendung von Bauelementen ist der Pavillon nicht nur innovativ, sondern bahnbrechend, da dies - unseres Wissens nach - innerhalb der deutschen Bauordnung bisher noch nicht gemacht wurde. Auf der Ebene der Konstruktion schlägt er Lösungen vor, wie Materialien und Bauteile so miteinander verbunden werden können, dass die Gebäude von heute die Materialdepots der Städte von morgen sind. Und auf der städtebaulichen Ebene dient der Pavillon als Fallstudie zur Untersuchung von Datenintegration, Materialkatastern und einem integrierten Planungsansatz. Als lehrreicher und pädagogischer Demonstrator im Rahmen des Programms der Bundesgartenschau und programmiert vom Ministerium für Umwelt, Klimaschutz und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, zeigt der Pavillon den über 2 Millionen Besuchern und den Akteuren der Branche die Herausforderungen des heutigen Bauwesens auf und bietet praktische und konkrete Alternativen zum Status quo.

Testimonial / Feedback

Governance

    Entsorgungsbetriebe der Stadt Heilbronn, Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg und Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH

    Regionalverwaltung

Nachhaltige Lösungen

    Direkte Wiederverwendung von Stahl im Strukturbau

    Die Stahlrohre der tragenden Konstruktion haben bereits ein Leben als Druckleitungen in einem ehemaligen Steinkohlekraftwerk hinter sich. Ihr Ausbau erfolgte im Rahmen von Rückbaumaßnahmen. Nach der Bestimmung der Stahlqualität erfolgte die Planung der Pavillonstruktur auf Basis dieses Bestands. So konnte die tragende Struktur größtenteils aus weiterverwendeten Elementen realisiert werden. Die Konstruktion besteht aus vier identischen, assymmetrisch geneigten Baumstrukturen, die einen aufgeständerten Kubus eines irregulären Fassadenrasters stützen. Alle Verbindungen sind lösbar, sodass eine vollständige Demontage und ein Wiederaufbau erfolgen kann.

    • Förderung der kulturellen und historischen Identität
    • Circular Economy
    • Abfallwirtschaft
    • Kohlenstoffarme Materialien/ Infrastruktur

    Landschafts- und Gartenbau mit Materialien der Urbanen Mine

    Im Boden kommen verschiedene mineralische Materialien zum Einsatz: Beton- und Ziegelbruch in verschiedenen Körnungen, direkt wiederverwendete Klinkersteine und Backsteine, die aus mineralischen Bauschutt bestehen. Die Zwischenflächen werden als wassergebundene Schicht aus Porzellanbruch ausgebildet. Gebrochene Teller und Tassen aus Produktionsausschuss und Recyclinghöfen werden hierzu gemahlen und als sortenreine Bodenschicht aufgebracht.

    • Förderung der kulturellen und historischen Identität
    • Circular Economy
    • Abfallwirtschaft
    • Kohlenstoffarme Materialien/ Infrastruktur

    Fassade und Dach aus Recyclingglas

    Die transluzenten Fassaden bestehen hauptsächlich aus Glaskeramikplatten. Es handelt sich dabei um ein Produkt, das zu 100 Prozent aus Recyclingglas hergestellt wird. Rohstoffquelle sind hierbei Ausschüsse und Fehlproduktionen von Industrie- und Flaschenglas. Die scherbenförmigen, verschiedenfarbigen Glasabfälle durchlaufen einen speziellen Sinterprozess und werden somit zu neuen Scheiben verschmolzen. Dabei bleibt die Farbigkeit und Form der Glasscherben erhalten und es entsteht eine individuelle, besondere Ästhetik.

    • Förderung der kulturellen und historischen Identität
    • Circular Economy
    • Abfallwirtschaft
    • Kohlenstoffarme Materialien/ Infrastruktur

Copyright

Projektangaben Mehr.Wert.Pavillon
Konzept und Entwurf: Lisa Krämer, Simon Sommer, Philipp Staab, Sophie Welter, Katna Wiese, Karsten Schlesier, Felix Heisel, Dirk E. Hebel, Professur Nachhaltiges Bauen, KIT Karlsruhe
Ausführungsplanung und Standsicherheit: 2hs Architekten und Ingenieur PartGmbB Hebel Heisel Schlesier mit Lisa Krämer und Simon Sommer
Strukturelle Formfindung: Prof. Rosemarie Wagner, Professur Bautechnologie, KIT Karlsruhe
Prüfingenieur: Prof. Matthias Pfeifer, Karlsruhe
Ausführende Firmen Pavillon: AMF Theaterbauten GmbH, Udo Rehm / FC-Planung GmbH, Gebr. A. & F. Hinderthür GmbH, Kaufmann Zimmerei und Tischlerei GmbH, GrünRaum GmbH
Projekt- und Veranstaltungsträger: Entsorgungsbetriebe der Stadt Heilbronn, Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg und Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH
Projektfinanzierung: GreenCycle GmbH, Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD) und SER GmbH
Projektpartner Pavillon: AMF Theaterbauten GmbH, Deutsche Foamglas GmbH, Glas Trösch GmbH, Hagedorn GmbH, Heinrich Feess GmbH & Co. KG, Magna Naturstein GmbH, Schröder Bauzentrum GmbH, DeFries, Smile Plastics, SPITZER-Rohstoffhandelsgesellschaft, StoneCycling, Studio Dirk van der Kooij

Die Architektur der Zukunft unterscheidet nicht mehr zwischen Rohstoffen und Abfällen, sondern konfiguriert die Ressourcen innerhalb einer Kreislaufbauwirtschaft neu. Der Mehr.WERT.Pavillon demonstriert auf innovative Weise die Wiederverwendung und das Recycling von Baumaterialien als einzige zukunftsfähige Ressource. Alle verwendeten Materialien haben bereits mindestens einen Lebenszyklus durchlaufen, entweder in gleicher oder in modifizierter Form. Darüber hinaus sind alle Verbindungen monomaterial und reversibel, und es wurden keine Klebstoffe oder Beschichtungen in dem Projekt verwendet. Der Pavillon nutzt somit die vorhandene städtische Mine und stellt gleichzeitig ein Materialdepot für zukünftige Bauten dar.

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