Das erste Passivhaus: Interview mit Dr. Wolfgang Feist [Teil 2]

 Dr. Wolfgang Feist  Passivhaus  Darmstadt  PHPP  Komfort  Energieeffizienz  Photovoltaik

Vor 25 Jahren erichtete Dr. Wolfgang Feist das erste Passivhaus überhaupt in Darmstadt. Katrin Krämer vom Passivhaus Institut interviewte den Bauphysiker.

Ihre Reihenhauanlage wird oft besichtigt und ist bis heute Gegenstand vieler technischer Untersuchungen. Wie lebt es sich in einem „Ausstellungsstück“ und „Testobjekt“?  

Nun, zu Anfang ist das ganz spaßig – die ersten zwei Jahre hatten wir an die 5000 Besucher in den Wohnungen. Irgendwann haben meine Frau und ich dann gemerkt, dass das Aufräumen und Herausputzen der Wohnung doch ziemlich viel Stress erzeugte, und wir haben das begrenzt. 

5000 Besucher in zwei Jahren  

Die Technik und die Messungen bemerken die Bewohner gar nicht. Darauf haben wir sorgfältig geachtet, ebenso wie auf die Wahrung der Privatsphäre. Alle Daten wurden anonymisiert.

Hatten Sie ein Vorbild? In Skandinavien waren Niedrigenergiehäuser damals ja schon relativ weit verbreitet… 

Das Passivhaus steht in einer sich seit Jahrhunderten entwickelnden Tradition. Wenn Sie z.B. die Wärmeverlustkennwerte von Außenbauteilen verfolgen, so haben sich diese seit mehr als 100 Jahren schrittweise immer mehr verringert: Sie starteten bei um 1,5 und sind heute mit dem Passivhaus bei um 0,15 („Watt je Quadratmeter Kelvin“), also einem Zehntel, angelangt.  

Vorbild Skandinavien  

Die skandinavische und die nordamerikanische Entwicklung hatten wir damals sehr aufmerksam verfolgt. Tatsächlich hatte Schweden schon 1980 eine Bauvorschrift, die unserer heutigen als besonders „effizient“ geltenden EnEV entsprach (nämlich um 7 Liter Heizöläquivalent je Quadratmeter und Jahr).  

Wir hatten engen Kontakt mit den Wissenschaftlern in Schweden und in den USA. Bo Adamson, mein Kollege in Schweden, war Mitwirkender im Projekt.

Warum steht das erste Passivhaus in Darmstadt? 

Das beruht auf einer Reihe von Zufällen, aber auch dem ausdrücklichen Wunsch des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt, Günther Metzger. Die Stadt hatte  ohnehin ein für „experimentellen Wohnungsbau“ ausgewiesenes Gelände, das bereits zu einem großen Teil bebaut war. Zuständig für den innovativen Teil war das „Institut Wohnen und Umwelt“, eine Forschungseinrichtung des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt. Da wiederum arbeiteten wir, und hatten dadurch die Kontakte in den internationalen Raum, in dem diese Ideen diskutiert wurden.

Unnötige Wärmeverluste 

Das Passivhaus ist die konsequente Weiterentwicklung des Niedrigenergiehauses: Die unnötigen Wärmeverluste durch Wände, Dächer und Fenster werden soweit verringert, dass die Heizung gänzlich unbedeutend wird; es sind nur noch rund 1,5 Liter Heizöläquivalent je Quadratmeter und Jahr.

 
Der Leiter und Gründer des Passivhaus Instituts, Dr. Wolfgang Feist, an seinem Arbeitsplatz
 

Was haben Fachkollegen zu Ihren Plänen vom Passivhaus gesagt? 

Ganz unterschiedlich – mein Doktorvater Gerd Hauser hat es mit Distanz, aber prinzipiell wohlwollend verfolgt. Andere, deren Namen ich hier jetzt nicht nenne, haben noch im Jahr der Inbetriebnahme der Reihenhausanlage theoretische Abhandlungen publiziert, nachdem so etwas niemals funktionieren könne.

Wie lange haben Sie das Passivhaus gedanklich für sich geplant bis der Entschluss gereift war „So, jetzt machen wir’s tatsächlich“?  

Die Grundidee entsprang einem Gespräch von Bo Adamson und mir, so etwa 1987 in Lund/Schweden. Er kam damals gerade von einer Forschungsreise aus Südchina zurück und hatte dort daran mitgewirkt, den Komfort in unbeheizten Häusern zu verbessern, die er „Passive Houses“ nannte.  

China gab Gedankenanstoß 

Der Begriff kommt daher, dass diese Bauten thermisch als passives System funktionieren – und da wird alles viel einfacher, auch die wissenschaftliche Analyse.  Wir beschlossen, uns um ein Forschungsprojekt zu bemühen, um heraus zu finden, ob so etwas auch in Europa funktionieren kann, mit den hier viel kälteren Wintern.

Varianten durchgespielt   

Es gelang, ein „bauvorbereitendes Forschungsprojekt Passive Häuser“ zu etablieren. Alle nur denkbaren Varianten wurden durchgespielt – und in der Theorie schien es tatsächlich zu funktionieren. Ganz entscheidend war es, erst einmal zuverlässige Verfahren zu entwickeln, mit denen das Wärmeverhalten von Gebäuden abgebildet werden kann.

Wie lange hat dann die architektonische bzw. technische Planung gedauert bis der erste Bagger anrollte? 

Die architektonische Planung lag in etwa im gleichen Zeitrahmen wie zu dieser Zeit üblich – nicht ganz ein Jahr, und der Baubeginn war im Oktober 1990. Wir hatten im Kopf, dass ein generell erfolgversprechendes Konzept sich nicht allzu weit von den üblichen Bauweisen entfernen durfte: Exoten haben in der von vielen mittelständischen und kleinen Betrieben belebten Baubranche nur „Eintagsfliegenwert“.

„Exoten haben Eintagsfliegenwert“ 

Also haben wir versucht, eher zu vereinfachen als zu komplizieren. Und wir haben so weit möglich auf verfügbare Komponenten zurückgegriffen, wie z.B. die gemauerte Kalksandstein-Wand, das Sparrendach, Holzfenster…  

Die Komponenten, die ein Passivhaus auszeichnen, gab es damals noch nicht auf dem Markt. 

Nehmen wir die DreischeibenWärmeschutzverglasung: Die gab es nicht am Markt. Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch, das ich 1989 mit dem damaligen Forschungsleiter der großen Flachglasfirma „Vegla“ (heute Saint Gobain), Dr. Ortmanns, geführt habe: „So,  drei Scheiben mit Beschichtungen auf 3 und 5 – gut, das können wir für ein solches Projekt liefern.“

„Das können wir liefern“ 

Nicht immer war es so einfach und so erfolgreich: Die thermisch getrennten Abstandhalter etwa, die konnten wir auf die Schnelle nicht bekommen. Es dauerte noch Jahre, bis die einschlägige Industrie die Chance auf diesem Gebiet erkannte – heute haben wir das freilich. An anderen Stellen mussten wir die erforderlichen Komponenten selbst einzelhandwerklich – sozusagen im Labor – herstellen.  

Selber bauen! 

Das galt z.B. für den Umbau der Lüftungszentralgeräte, die alle vier eigens für das Projekt mit neu entwickelten Gleichstromventilatoren (ebenfalls heute selbstverständlich) und einer Luftqualitätsregelung ausgestattet wurden.

   
Das 1991 bezogene Pilotprojekt in Darmstadt erhielt nachträglich eine Photovoltaikanlage

Wie hat der Schreiner reagiert, den Sie gebeten haben, Fenster mit DreiScheiben-Verglasung zu erstellen?  

Nun, er hat die Übernahme der Gewährleistung abgelehnt – das war schon damals ähnlich wie heute bei Innovationen. Dass die meisten der beteiligten Handwerker nichts von den Neuerungen hielten, das ist ein simples aber abgedroschenes Klagelied.

Gewährleistung abgelehnt 

Ich habe aber persönlich im Verlauf des Bauprozesses erlebt, wie wir gemeinsam auf Leitern standen und die Luftdichtheitsbahn einbrachten, nach den auch heute noch gültigen PassivhausPrinzipien. Überall war die Bahn sauber und faltenfrei verlegt, nur an der Stelle, an der ich stand, war es ein wenig „faltiger“.

„Wo ich stand war es faltiger“ 

Das Handwerk hat in Deutschland eine lange Tradition und es ist eine enorme Chance für dieses Land, so viele hoch kompetente kleine und mittlere Unternehmen am Markt zu haben.  

Besonders die Zimmerleute haben sehr schnell auf die neue Entwicklung reagiert, ihre Kompetenzen ausgebaut und ganz erheblich verbesserte Lösungen bereitgestellt. 

Was würden Sie heute anders machen beim Bau Ihres Passivhauses? 

Weil die Photovoltaik so enorme Fortschritte gemacht hat, würde ich das Pultdach heute leicht nach Süden geneigt orientieren. Und selbstverständlich die heute verfügbaren zertifizierten Passivhaus-Komponenten verwenden, die z.B. bei den Fenstern nochmals um fast 50 Prozent besser sind als unsere damals selbst gebauten Lösungen.

„Würde heute das Dach ändern“ 

Ich würde die Lüftung noch weiter vereinfachen, obwohl sich auch die verwendete Lösung gut bewährt hat, und Wärmepumpen für die Heizung verwenden. Aber es wäre wieder ein Passivhaus. Das hat sich so ausgezeichnet bewährt: Immer gute Luft, ein dauerhaft komfortables Innenklima, vernachlässigbar geringe Heizkosten.

Was können Sie heute Bauherren mit auf den Weg geben, die Interesse am Passivhaus haben? 

Auf die Planung kommt es an! Lassen Sie ein vollständiges PHPP machen und lassen Sie die Planung zertifizieren. Das kostet nicht viel, stellt aber sicher, dass hinterher alles funktioniert.

Keine teuren Extras andrehen lassen 

Lassen Sie sich keine teuren Extras andrehen: Alle Passivhaus-Komponenten sind heute zu fairen Preisen erhältlich. Ein gut geplantes Passivhaus wird in der Investition nicht deutlich teurer als ein „normales“ Haus. Achten Sie auf eine einfache Lüftungslösung mit einem zertifizierten Lüftungsgerät und bestehen sie auf hochwertigen Frischluftfiltern, Ihre Gesundheit wird es Ihnen danken.

Auf die Planung kommt es an 

Beachten Sie auch die SommerkomfortBestimmung im PHPP. Künftige Sommer werden noch heißer, ein Passivhaus lässt sich so planen, dass es auch dann komfortabel bleibt. 

Damals waren Sie PassivhausPionier. Heute lehren Sie energieeffizientes Bauen an der Uni in Innsbruck. Viel geschehen seitdem.  

Meine Lehre umfasst u.a. einen Grundlagenkurs in Physik – ich bin ja von Haus aus Physiker. Und das macht viel Spaß mit den Studenten. Wissenschaft ist heute einerseits die Grundlage unsere sehr stark auf Technik beruhenden Zivilisation; aber es gibt auch einen kulturellen Auftrag von Wissenschaft: das Verständnis dafür, wo wir Menschen stehen im Gesamtbild des Kosmos.

Weltweit besteht grosses Interesse am Passivhaus-Baustandard
 

Wo steht der Mensch im Kosmos? 

Wie der Astrophysiker Carl Sagan es wunderschön formuliert hat. „Der Mensch ist eine Entwicklung der Natur, die es ihr erlaubt, sich selbst zu verstehen“.  Wir stehen in einer Verantwortung für diese großartige Entwicklung und wir sind beauftragt, den Planeten und unseresgleichen mit Respekt zu behandeln.

Sie sind in Sachen Passivhaus weltweit unterwegs. Planen Sie ein Passivhäuschen an einem schönen See, um zur Ruhe zur kommen? 

„Wenn ich zum Augenblicke sag, verweile doch, Du bist so schön…“ – Johann Wolfgang Goethe hat die Widersprüchlichkeiten der menschlichen Seele erkannt und beschrieben. Die Erfüllung liegt für mich nicht im passiven Entspannen, noch nicht. Freude schöpfe ich aus fortwährend zunehmender Erkenntnis. Etwas mehr Zeit dafür und etwas weniger Aufgeriebenwerden im Alltag würde ich mir schon wünschen. Noch plane ich keine Einsiedelei weitab der geschäftigen Unruhe.

Wobei entspannen Sie? 

Innsbruck liegt mitten zwischen hohen Bergen – in ein paar Stunden geht es auf den Gipfel und die alltäglichen Probleme erscheinen klein von dort.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Die Fortsetzung des Werdungsprozesses, den Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung“ so treffend beschrieben hat: „…darum werden wir erst“. Wir Menschen stehen erst ganz am Anfang dieses Prozesses der Selbstfindung. Wir haben seit den ersten Versuchen mit dem Feuer erhebliche Fortschritte gemacht, nicht nur technisch, auch kulturell.  

„… darum werden wir erst“    

Wir haben erkannt, dass wir eine Art sind – mit nur sehr geringen Unterschieden vom Kap der guten Hoffnung bis nach Alaska. Wir haben Hunger und Krankheit in weiten Teilen besiegt und sollten es als primäre Aufgabe ansehen, dabei immer besser zu werden.

„Wir sollten immer besser werden“ 

Wir haben unseren Alltag inzwischen weitgehend befriedet – den Krieg aber immer noch nicht überwunden. Eine Menschheit, die noch Jahrtausende für ihren Erkenntnisprozess benötigen wird, ist aber auf internationale Friedensregeln angewiesen. Verständnis für die Anliegen und die Beweggründe von Menschen sind der Schlüssel hierfür.

Alltag befriedet, Kriege noch nicht 

Wir müssen die restlichen Nuklearwaffen vernichten oder unter internationale Kontrolle stellen. Die heute lebenden Generationen müssen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden.  

Wir werden dann den Erkenntnisprozess voran bringen, die Lebensspannen in Würde weiter verlängern, unsere Kommunikationsmöglichkeiten vervielfältigen, das Sonnensystem erschließen, und selbst die Reise zu fremden Sternen wird für folgende Generationen in Reichweite kommen.  

Sind das ausreichend viele Zukunftswünsche? Nun, manches kann heute noch nicht konkret sein, Ernst Bloch hat das schon richtig gesehen „… darum werden wir erst“.

Foto: ©Peter Cook

 

Moderiert von : Sylvain Bosquet

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